Lichtfalle Hamburg

 Temporäre Lichtinstallation im Hamburger Hafen zur Untersuchung
der Auswirkungen des
“Blue Port” auf die Artenvielfalt

 Fr. 7. bis Di. 11. August 2015

Elbe, Hamburger Hafen und City-Sporthafen

Nana Petzet und Bernd Reuter

Der, als tagaktives Lebewesen, die Umwelt seinen Bedürfnissen anpassende Mensch hat mit Hilfe von künstlicher Beleuchtung seinen Aktivitätsradius auf die Nacht ausgedehnt. „Nach Licht haben die Menschen immer gestrebt – die Glühbirne machte sie zum Herrscher über Tag und Nacht“ (Süddeutsche Zeitung, 31. Juli 2014, „Im hellen Schein“). Die UNESCO hat das Jahr 2015 zum internationalen Jahr des Lichts erklärt und möchte damit die Schlüsselrolle des Lichts in Forschung und Kultur würdigen. Die kritische Betrachtung der Folgen künstlicher Beleuchtung spielt im Programm der UNESCO nur eine untergeordnete Rolle. Dass die Nacht vor dem exzessiven Einsatz künstlicher Lichtquellen in den industrialisierten Ländern bis zu einem gewissen Grad geschützt werden sollte, wird nicht angesprochen.

Das Umweltproblem der Lichtverschmutzung wird im Vergleich zu Radioaktivität, Lärm, Klimawandel, Luft- und Wasserverschmutzung offenbar weniger wahrgenommen. In der vom Bundesamt für Naturschutz 2013 herausgegebenen Publikation „Schutz der Nacht – Lichtverschmutzung, Biodiversität und Nachtlandschaft“ wird deshalb bei der Bewertung von Lichtemissionen ein Wandel des Bewusstseins angemahnt.

Habitat Nacht
Über 50 Prozent der weltweit beschriebenen Tierarten gehören zu den Insekten. Ihre Artenzahl wird auf zehn Millionen geschätzt. In Deutschland verteilt sich die Zahl von rund 33.000 Arten auf 28 Ordnungen, von denen einige sehr artenreich sind, darunter Käfer, Zweiflügler und Hautflügler. Die Mehrzahl gehört zu den Fluginsekten und ein hoher Anteil ist nachtaktiv. In Studien zur Messung der Flugaktivität von Insekten an Lichtquellen wurden rund sechzehn Insektenordnungen erfasst. Nachtfalter sammeln sich in hoher Zahl an den Lichtquellen, aber auch andere Insekten streben oft massenhaft zum Licht, vor allem solche, die nur an wenigen Tagen im Sommer schwärmen. Dies lässt sich eindrucksvoll an Eintagsfliegen beobachten, die in warmen Sommernächten entlang von Flüssen in riesigen Schwarmwolken die Lichtquellen auf Brücken und in Ufernähe umflattern, um schließlich am Boden unter den Leuchten zu verenden. Ein solches Verhalten der Insekten an Lichtquellen – beginnend als magische Anlockung und mit dem Tod der Tiere endend – wird als Staubsaugereffekt bezeichnet.

“Blue Port”-Simulation
Der “Blue Port” steht exemplarisch für eine Politik des Hamburger Stadtmarketings, die künstliche Beleuchtung unhinterfragt als ästhetisches Mittel feiert, immer wieder nach dem Motto: Licht erzeugt Aufmerksamkeit, Licht zieht Besucher an – also je mehr Licht, desto besser. Anlässlich der „Cruise Days“ 2014 hatte der Hamburger Lichtkünstler Michael Batz zum fünften Mal mit 40 km Kabeln und einem Team von 40 Mitarbeitern in fünf Wochen 12.000 Lichtquellen – meist blaue Leuchtstoffröhren – im Hafen und in der HafenCity auf Gebäuden, Kaistrecken, Kranen, Anlegern, Pontons, Barkassen, Fährschiffen, Schleppern, Docks, Betriebsfahrzeugen, Bäumen, Brücken,  etc. montiert. Vom 28. Juli bis zum 3. August 2014 hatten “Blue Port” und „Cruise Days“ 600.000 Besucher. “Blue Port” Nummer sechs wird bereits im September diesen Jahres stattfinden und damit nun im jährlichen Rhythmus, und nicht wie bisher nur jedes zweite Jahr, die Hamburger Kreuzfahrtschiff-Parade samt Kulisse illuminieren.

Kurzwelliges Licht des Blaulichtspektrums liegt im für Insekten interessanten Bereich von 350 bis 550 Nanometern. Bei Tests mit Leuchtstoffröhren, wie sie beim “Blue Port” zum Einsatz kommen, konnten wir eine starke Anziehungskraft des blauen Lichts auf Insekten feststellen. Ein weiterer Bestandteil unserer Lichtfalle ist eine weiße Stoffbahn, die, hinter der Lichtquelle aufgespannt, die angelockten Insekten dazu einlädt, sich niederzulassen. So können die in das Projekt eingebundenen Spezialisten für nachtaktive Insekten, den Anflug besser kartieren. Im Zweifel werden beispielhafte Indivi-duen zur genaueren Untersuchung in einem Fangglas konserviert. Es werden die Außenbedingungen wie Temperatur, Niederschlag, Wind, Mondphase, die den Insektenflug beeinflussen, ermittelt um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse mit dem Referenz-”Blue Port” von 2014 zu gewährleisten. Um in der Auswertung eine relative prozentuale Anflugstärke von Insekten auf ein durchschnittliches „Blue-Port“-Event ermitteln zu können wird die Repsold mit Lichtfalle am Montag, den 10. August, und am Dienstag, den 11. August, zwei Nächte lang im City-Sporthafen am Anleger liegen um auch eine systematische Datenerhebung zu feststehenden Leuchtmittelträgern wie Elbphilharmonie und Hafenkranen zu ermöglichen.

Lichtfalle auf Feuerlöschboot Repsold und Blog
Mit der temporären Lichtinstallation Lichtfalle Hamburg im Hamburger Hafen testen wir die beim “Blue Port” 2014 verwendeten Leuchtmittel genau ein Jahr später hinsichtlich ihrer Attraktivität für Insekten. Auf dem historischen Feuerschiff Repsold, bekannt durch die Fernsehserie „Großstadtrevier“, wird ein achteckiger „Blue-Port“-Dummy aus sechzehn blauen, 150 cm langen Leuchtstoffröhren installiert. Am Wochenende 7. bis 9. August wird die Repsold nach Anbruch der Dämmerung bis nach Mitternacht mit dem vier Meter hohen Lichtobjekt im Kernbereich des “Blue Port”, zwischen Köhlbrand und der HafenCity, kreuzen. Ein am Schiff montiertes Banner macht Hafenbesucher und Passanten auf die Website des Projekts Lichtfalle Hamburg aufmerksam. Für den Blog auf lichtfallehamburg.de wird die ganze Aktion von einem auf das Filmen von Insekten spezialisierten Tierfilmer mit einer für nächtliche Makroaufnahmen geeigneten Videokamera dokumentiert.

Die Eröffnung wird am 7. August, 20 Uhr, auf der Aussichtsplattform von Park Fiction (Antonipark) an der St. Pauli Hafenstraße stattfinden. Die Repsold mit Lichtfalle wird von diesem Standort gut zu sehen sein. Mit unserem achteckigen Versuchs-Batz hinterfragen wir die Zeichen, die mit dem „stillen Spektakel“ (Der Hamburger, Juli 2010, „Der Philosoph des Lichts“) “Blue Port” im Dienst des Tourismus und im Namen der Kunst gesetzt werden. Lichtfalle Hamburg bringt am Beispiel des “Blue Port” die Folgen von groß angelegten Stadtilluminationen auf die Artenvielfalt zur Sprache und meint im übertragenen Sinn auch die ganze Stadt als Lichtfalle für alle in ihr lebenden Organismen, einschließlich des Menschen.

Lichfalle Hamburg wird im Rahmen des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ der Kulturbehörde Hamburg gefördert.Kulturbehoerde

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2 Gedanken zu „Lichtfalle Hamburg“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    auch für Astronomen und Hobbyastronomen sind die Cruise Days jedes Jahr eine grausige Veranstaltung, weil sie dann praktisch an ihrer Arbeit gehindert werden. Ohnehin ertrinken die meisten Sterne im Hamburger Stadtlicht, wo die Milchstraße und viele Sternbilder überhaupt nicht mehr zu sehen sind. Viele Kinder und Jugendliche kennen so etwas wie Sterne und Planeten, geschweige denn das zarte Band unserer eigenen Galaxis nicht mehr, nur weil in dieser Stadt alles exzessiv beleuchtet werden muss.

    Es kommen aber noch andere Punkte zum Tragen:

    – Die Cruise Days sind nur gedacht für betuchte Leute, die sich entsprechende Reisen leisten können.

    – an soll Energie sparen, nur bei den Aktionen eines Hamburger Lichtkünstlers spielt das keine Rolle.

    – Das blaue Leuchten ist weit über Hamburgs Grenzen hinweg wie weit in den Himmel hinein sichtbar und stört damit die Arbeit von Astronomen und Hobbyastronomen bis zur Lübecker Bucht oder in die Göhrde hinein.

    Hamburg war mal Umwelthauptstadt, zeigt sich aber in puncto Lichtverschmutzung völlig uninteressiert und folgt den Interessen einiger weniger, wie den Leuten, die sich Kreuzfahrten leisten können und bieten einem Lichtkünstler eine Plattform für dessen Interessen, wobei die Interessen anderer hier nicht von Bedeutung sind.

    Kurzum: Die Cruise Days dienen nur der Profillierungssucht einiger weniger in dieser Stadt und sollten abgeschafft werden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr

    Manfred Holl

  2. Ahoi,
    was für ein Spinnkram. Innerhalb des Rahmens wird sich was feststellen lassen? In der Nähe des Containerhafens gibts wenig fliegende Insekten? Hach ja. Wenn doch eins kommt, hats wahrscheinlich keine Lust übers Wasser zu fliegen? Warum auch. Scheiß Thermik und nix zu futtern. Ansonsten? Was da ist wird angezogen, wenn es nicht blind ist. Das geht auch genauso gut mit weißem Licht. Mit rotem allerdings nur wenig, weil nur wenige Insekten in dem Spektralbereich richtig gut sehen. Dafür haben Leuchtstoffröhren älterer Bauart meist einen hohen UV-Anteil, den wiederum sehen die meisten Flugteile echt voll gut.
    Und was bringts? Das ist gebrauchtes Wissen.
    Langweilig und unnütz. Aber herzlichen Glückwunsch. Jaja.

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