“Blue Port”-Monitoring

 

Einladung und Aufruf vom 4. bis 13. September am

“Blue Port”-Monitoring

 

teilzunehmen und individuelle Beobachtungen zum Insektananflug auf die blauen Leuchtstoffröhren des „Blue Port Hamburg 2015” hier zu veröffentlichen.

Abschlussaktion am 13. September 2015 mit Beobachtungsrundgang zu ausgewählten Leuchtkörpern,

Treffpunkt: Baumwall (am Feuerschiff), 20 Uhr

Konzipiert von Nana Petzet, Bernd Reuter und Nina Kalenbach

Auch in diesem Jahr wird Michael Batz anlässlich der „Cruise Days“ die Hamburger Kreuzfahrtschiff-Parade samt Kulisse mit blauen Leuchtstoffröhren beleuchten. Im Vorfeld dieses nun jährlich in Hamburg veranstalteten Spektakels untersuchte das „Kunst im öffentlichen Raum“-Projekt Lichtfalle Hamburg vom 7. bis zum 11. August 2015 mit einer temporären Lichtinstallation die Auswirkungen des „Blue Port” auf die Artenvielfalt. Bezogen auf nachtaktive Insekten konnte eine starke „Fängigkeit“ der verwendeten Leuchtmittel nachgewiesen werden. Aus der Perspektive des Artenschutzes und der Naturbeobachtung bietet der diesjährige „Blue Port”, der nun genau vier Wochen nach der „Blue Port”- Simulation von Lichtfalle Hamburg stattfindet, eine riesenhafte Versuchsanordnung, die es zu beobachten gilt.

Lichtfalle Hamburg ruft deshalb alle Hamburger Bürger und alle „Blue Port”-Besucher auf, sich an einem Insektenmonitoring zu beteiligen und ihre Beobachtungen auf unserem Blog zu veröffentlichen. Unter den 9.000 Lichtquellen des „Blue Port” 2015, bieten sich dafür die in Augenhöhe angebrachten Leuchtstoffröhren, zum Beispiel an Anlegern und Brücken an. Temporär hinter den Leuchten angebrachte weiße Tücher erhöhen die Beobachtungsqualität erheblich, da sich die vom Licht angelockten Insekten gern darauf niederlassen. Alle Berichte über den Insektenanflug sind willkommen.

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Lichtfalle Hamburg am 3. Abend der “Blue Port”-Simulation vor der Elbphilharmonie, 9. August 2015, Foto: Helge Mundt


Hintergrund
Der, als tagaktives Lebewesen die Umwelt seinen Bedürfnissen anpassende Mensch hat mit Hilfe von künstlicher Beleuchtung seinen Aktivitätsradius auf die Nacht ausgedehnt. „Nach Licht haben die Menschen immer gestrebt – die Glühbirne machte sie zum Herrscher über Tag und Nacht“ (Süddeutsche Zeitung, 31. Juli 2014, „Im hellen Schein“). Die UNESCO hat das Jahr 2015 zum internationalen Jahr des Lichts erklärt und möchte damit die Schlüsselrolle des Lichts in Forschung und Kultur würdigen. Die kritische Betrachtung der Folgen künstlicher Beleuchtung spielt im Programm der UNESCO nur eine untergeordnete Rolle. Dass die Nacht vor dem exzessiven Einsatz künstlicher Lichtquellen in den industrialisierten Ländern bis zu einem gewissen Grad geschützt werden sollte, wird nicht angesprochen.
Das Umweltproblem der Lichtverschmutzung wird im Vergleich zu Radioaktivität, Lärm, Klimawandel, Luft- und Wasserverschmutzung offenbar weniger wahrgenommen. In der vom Bundesamt für Naturschutz 2013 herausgegebenen Publikation „Schutz der Nacht – Lichtverschmutzung, Biodiversität und Nachtlandschaft“ wird deshalb bei der Bewertung von Lichtemissionen ein Wandel des Bewusstseins angemahnt.

Über 50 Prozent der weltweit beschriebenen Tierarten gehören zu den Insekten. Ihre Artenzahl wird auf zehn Millionen geschätzt. In Deutschland verteilt sich die Zahl von rund 33.000 Arten auf 28 Ordnungen, von denen einige sehr artenreich sind, darunter Käfer, Zweiflügler und Hautflügler. Die Mehrzahl gehört zu den Fluginsekten und ein hoher Anteil ist nachtaktiv. In Studien zur Messung der Flugaktivität von Insekten an Lichtquellen wurden rund sechzehn Insektenordnungen erfasst. Nachtfalter sammeln sich in hoher Zahl an den Lichtquellen, aber auch andere Insekten streben oft massenhaft zum Licht, vor allem solche, die nur an wenigen Tagen im Sommer schwärmen. Dies lässt sich eindrucksvoll an Eintagsfliegen beobachten, die in warmen Sommernächten entlang von Flüssen in riesigen Schwarmwolken die Lichtquellen auf Brücken und in Ufernähe umflattern, um schließlich am Boden unter den Leuchten zu verenden. Ein solches Verhalten der Insekten an Lichtquellen – beginnend als magische Anlockung und mit dem Tod der Tiere endend – wird als Staubsaugereffekt bezeichnet.

Der “Blue Port” steht exemplarisch für eine Politik des Hamburger Stadtmarketings, die künstliche Beleuchtung unhinterfragt als ästhetisches Mittel feiert, immer wieder nach dem Motto: Licht erzeugt Aufmerksamkeit, Licht zieht Besucher an – also je mehr Licht, desto besser. Anlässlich der „Cruise Days“ 2015 wird der Hamburger Lichtkünstler Michael Batz zum fünften Mal mit 40 km Kabeln und einem Team von 40 Mitarbeitern in fünf Wochen 9.000 Lichtquellen – meist blaue Leuchtstoffröhren – im Hafen, der Speicherstadt und in der HafenCity auf Gebäuden, Kaistrecken, Kranen, Anlegern, Pontons, Barkassen, Fährschiffen, Schleppern, Docks, Betriebsfahrzeugen, Bäumen, Brücken etc. montiert.

Im Vorfeld des “Blue Port” 2015 fand die Kunstaktion „Lichtfalle Hamburg“ (Bernd Reuter und Nana Petzet) im Rahmen des Programms „Kunst im öffentlichen Raum“ der Kulturbehörde Hamburg statt. Auf dem historischen Feuerschiff Repsold, wurde ein achteckiger „Blue-Port“-Dummy aus sechzehn blauen, 150 cm langen Leuchtstoffröhren installiert. Am Wochenende 7. bis 9. August kreuzte die Repsold nach Anbruch der Dämmerung bis nach Mitternacht mit dem vier Meter hohen Lichtobjekt im Kernbereich des “Blue Port” zwischen Köhlbrand und der HafenCity. Am 11. und 12. August lag die Repsold mit Lichtfalle im City-Sporthafen am Baumwall. Ein am Schiff montiertes Banner macht Hafenbesucher und Passanten auf die Website des Projekts Lichtfalle Hamburg aufmerksam. Eine Dokumentation der Aktion ist hier auf der Website zu sehen.

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Die Lichtfalle Hamburg am 3. Abend der “Blue Port”-Simulation, 9. August 2015, Foto: Helge Mundt

Bekanntermaßen liegt kurzwelliges Licht des Blaulichtspektrums im für Insekten interessanten Bereich von 350 bis 550 Nanometern. Bei Gas-Entladungslampen wie sie beim “Blue Port” zum Einsatz kommen, konnten wir eine starke Anziehungskraft auf Insekten feststellen. Diese hohe Attraktivität mag auch mit dem im Spektroskop deutlich sichtbaren UV-Anteil dieser Lichtquellen zusammenhängen. Ein weiterer Bestandteil unserer Lichtfalle war eine weiße Stoffbahn, die, hinter der Lichtquelle aufgespannt, die angelockten Insekten dazu einlud, sich niederzulassen. So konnten die in das Projekt eingebundenen Spezialisten für nachtaktive Insekten, den Anflug besser kartieren. Im Zweifel wurden Mücken, Fliegen und andere kleinere Insekten zur genaueren Untersuchung in Alkohol konserviert. Was Schmetterlinge anbetrifft, wurde jeweils ein Exemplar einer Art als Belegexemplar getötet und aufgespannt. Die klimatischen Bedingungen wie Temperatur, Niederschlag und Wind, wurden notiert um eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse mit dem nun genau einen Monat später stattfindenden “Blue Port” zu gewährleisten. Vom 5. bis zum 10. September werden, was die Mondphase betrifft, die ebenfalls den Insektenflug beeinflusst, exakt die gleichen Bedingungen herrschen, wie während unserer Simulation.

Bei der “Blue Port”-Simulation ergab sich im Wesentlichen folgendes Bild:

Massenhafter Anflug von Zweiflüglern: am deutlichsten das für die Hafenbecken typische Auftreten von Zuckmücken, deren Larven im Elbschlamm leben. Die Unterordnung Mücken war mit einer schon durch die verschiedenen Größen der Tiere deutlichen Artenvielfalt vertreten. Schnaken waren aber auffallend selten nur ein Individuum am 8.8. Auch der Anflug der Untergattung der Zweiflügler, Fliegen war durch massenhaftes Auftreten und größere Diversität gekennzeichnet. Es gab große und auch sehr kleine Fliegen, die sich beim längeren Liegen des Schiffes vermehrt am unteren Rand des Fangtuchs sammelten. Seltener waren die, eigentlich für den Lebensraum Elbe auch typischen Köcherfliegen, wir haben nur im Citysportboothafen eine geringe Zahl ca. fünfzehn Stück gesehen und drei Belegexemplare entnommen. Auch Käfer gab es sehr wenige. Am ersten Abend einen und am 10.8. zwei der aus China eingeschleppten Neunzehnpunkt-Marienkäfer. Die Ordnung der Netzflügler war mit einer Florfliege schwach vertreten. Einziges Anfliegen einer Wasserwanze am 9. 8.. Am 11.9. kamen noch eine Schmalwanze und eine kleine Wespe dazu. Die Ordnung der Schmetterlinge war mit vereinzelten Individuen vertreten.
Hier die chronologische Auflistung der Schmetterlinge:
7.8. Hausmutter (3), kleine Eule (1),
8.8. Hausmutter (1)
9.8. Zünsler (1), Eule (1)
10.8. Kleine Schwärmer (2) , kleine weiße Motte (1),
kleine Falter (4)
11.8. Gammaeule (1)

Mit unserem achteckigen Versuchs-Batz und dem Aufruf zum Public “Blue Port”-Monitoring vom 4. bis 13. September hinterfragen wir die Zeichen, die mit dem „stillen Spektakel“ (Der Hamburger, Juli 2010, „Der Philosoph des Lichts“) “Blue Port” im Dienst des Tourismus und im Namen der Kunst gesetzt werden. Lichtfalle Hamburg bringt am Beispiel des “Blue Port” die Folgen von groß angelegten Stadtilluminationen auf die Artenvielfalt zur Sprache und meint im übertragenen Sinn auch die ganze Stadt als Lichtfalle für alle in ihr lebenden Organismen, auch für den Menschen.

 

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Lichtfalle Hamburg am 3. Abend der “Blue Port”-Simulation vor den Landungsbrücken, 9. August 2015, Foto: Helge Mundt

 

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Hamburger Lichtkunst

04.09.15

„Der Blue Port gerät zur Kommerz-Veranstaltung“

Ab Freitag wird der Hafen wieder in blaues Licht getaucht. Für Künstlerin Nana Petzet ist das Blue-Port-Projekt jedoch längst eine „Reklameveranstaltung“. Veranstalter Michael Batz hält dagegen.

Von Jakob Koch Redakteur

Mehr als 9000 Lichtelemente wurden angebracht und 50 Kilometer Kabel verlegt: Vom 4. bis 13. September wird Hamburg blau – und lockt wieder zahlreiche Besucher in den Hafen. Bereits zum fünften Mal taucht Lichtkünstler Michael Batz vor und während der Hamburg Cruise Days den Hafen und Sehenswürdigkeiten in ein blaues Licht. Doch das Projekt stößt nicht überall auf Gegenliebe. Konzeptkünstlerin Nana Petzet will zusammen mit Artenschutzexperte Bernd Reuter darauf aufmerksam machen, dass das blaue Licht nicht für alle Lebewesen gleichermaßen eindrucksvoll ist – und sie möglicherweise sogar negativ beeinflusst.

Dafür haben sie vergangenen Monat das „Lichtfalle Hamburg„-Projekt initiiert. Auf dem ehemaligen Löschboot „Repsold“ haben die Macher eine Art überdimensionierten Fliegenfänger aufgebaut: Hinter blau schimmernden Leuchtstoffröhren wurde an Bord ein riesiges Laken gespannt, auf dem sich die Insekten sammeln sollten. Damit fuhren Petzet und Reuter zusammen mit Zoologe Henry Tiemann von der Universität Hamburg fünf Nächte die Elbe ab, um zu schauen, welche Insekten sich dort tummeln. „Die Auswertung läuft derzeit noch“, berichtet Petzet im Gespräch mit der „Welt“. Sie findet, dass die Auswirkungen spürbar sind: Sei es für Insekten, Fledermäuse oder den Menschen. Die „Lichtfalle“ sei also Forschung und Kunstprojekt im öffentlichen Raum gleichermaßen.

Mit Beginn des Blue Ports am Freitag wollen Petzet und Reuter zusammen mit weiteren Mitstreitern die Besucher weiter für das Thema sensibilieren. Sie fordern Besucher der Lichtinstallation auf, ihnen beim „Blue Port“-Monitoring eigene Beobachtungen zu den Insekten in der Nähe des blauen Lichts mitzuteilen: „Unter den 9.000 Lichtquellen des ‚Blue Port‘ 2015 bieten sich dafür die in Augenhöhe angebrachten Leuchtstoffröhren, zum Beispiel an Anlegern und Brücken an“, heißt es. Zudem ist für den 13. September eine gemeinsame Begehung mit einem Spezialisten zu ausgewählten Punkten der Licht-Installation geplant. „Es ist ein Versuch am lebenden Objekt“, sagt Petzet.

Interessengelenkte Veranstaltung der Kreuzfahrtindustrie?

Foto: DPA Der Installationskünstler Michael Batz steht in der Kritik

Aus künstlerischer Sicht hält Petzet den Blue Port für eine „problematische“ Veranstaltung: „Der Inhalt ist offensichtlich dürftig – das soll Kunst sein, reproduziert sich aber ständig ohne sich weiterzuentwickeln.“ Michael Batz mache lediglich Reklame für die Cruise Days – „Der Blue Port gerät zur Kommerz-Veranstaltung. Es ist also keine Kunst, sondern steht im Dienst kommerzieller Interessen“, so Petzet weiter.

Auch die Stadt Hamburg tue sich keinen Gefallen mit dem Blue Port: „Statt ständig dasselbe zu wiederholen, sollte die Stadt mehr möglich machen.“ So würden aber Spielräume für andere Projekte genommen. Petzet fordert, den Blue Port im kommenden Jahr nicht mehr stattfinden zu lassen. „Der Kulturbereich wendet sich mit Schaudern ab – aber niemand kritisiert öffentlich.“

Angesprochen auf die Kritik reagiert Installationskünstler Michael Batz im Gespräch mit der „Welt“ gelassen. Die Frage der Beeinflussung auf Insekten sei für ihn nicht neu und er nehme das Thema sehr wohl ernst. „Wir beobachten über die Jahre, ob sich an den Leuchtstoffröhren Insekten sammeln. Wenn dem so wäre, hätte ich längst etwas geändert“, sagt Batz.

Man müsse aber auch festhalten: Der Blue Port sei Kunst im industriellen Kontext und eben nicht in einem Naturschutzgebiet. Er verwende besonders schwaches Licht und verzichte extra auf intensive Lichtwellen, wie sie etwa Beamer produzieren, die bei Schiffstaufen eingesetzt werden. „Der Ansatz geht auch dahin, dass wir vorhandenes weißes Betriebslicht mit blauen austauschen. Für Insekten ist die Wahrnehmung des Lichts also dieselbe“, sagt Batz. Darüber hinaus werden aber auch zusätzliche Licht-Elemente installiert.

„Das sind zwei parallel laufende Veranstaltungen“

Bei der inhaltlichen Auseinandersetzung geht er in die Offensive: Dass der Blue Port im Dienste der Cruise Days stehe, sei nicht der Fall. „Das sind zwei parallel laufende Veranstaltungen – ich habe schon viele Diskussionen geführt, das auch so in der Wahrnehmung zu verändern“, sagt der Installationskünstler. Er gibt allerdings auch zu: Die Entwicklung der Cruise Days zu eine Art zweitem Hafengeburtstag sei zu Beginn des Blue Ports nicht absehbar gewesen. „Damals gab es keine Fressbuden. Mit dem Wechsel des Veranstalters ist das nun anders geworden.“ Wenn dies so weitergehe, müsse er sich umorientieren. „Dann muss ich meine Kunst schützen“, so Batz.

Dass Nana Petzet nun aber das Ende des Blue Ports fordert, ist für Batz ein Affront: „Warum spielt sie sich als Richterin für ein Kunstverbot auf? Das kann nur das Publikum entscheiden“, sagt er.

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